Barnes Old Cemetery: Klein aber fein in Südwest-London

Durch Zufall bin ich online auf einen kleinen Friedhof in London gestoßen und habe mich dann entschieden, diesen im November 2015 bei meinem London-Aufenthalt zu besuchen. Er gehört nicht zu den Magnificent Seven und ist auch deutlich kleiner. Der Friedhof von Barnes liegt auf der Südseite der Themse und im Bezirk Richmond upon Thames (Karte bei Google Maps). Er wurde 1854 angelegt und ist nur 0,8 Hektar groß. Trotz der überschaubaren Größe ist es schwer bestimmte Gräber ausfindig zu machen, denn in vielen Teilen ist der Friedhof einfach nur zugewachsen und ungepflegt.

Am besten erreicht man den Friedhof mit einer Busfahrt von der Hammersmith Tube Station. Dort fahren die Busse 33 und 72 in Richtung Süden ab. Dabei passiert man die wunderschöne Hammersmith Bridge und eine schöne Einfamilienhausgegend, ehe der Bus den alten Dorfkern von Barnes erreicht. Noch ein Stück weiter steigt man an der Bushaltestelle „Ranelagh Avenue“ aus. Man steht nun vor einer großen Grünanlage, dem Barnes Common – Naturlandschaft, die knapp einen halben Quadratkilometer ausfüllt. Diese sehr ländliche Gegend ist erst seit 1965 Teil Londons. Davor lag Barnes im County of Surrey und hatte den Status eines „Urban District“ bzw. ab 1932 eines „Municipal Borough“.

Links oben: Dies ist ein Beispiel für ein Soldatengrab. Es ist auch in einem Verzeichnis gelistet, welches alle bekannten Gräber von Personen enthält, die im Kriegsdienst für den Commonwealth of Nations gestorben sind.

 

Barnes 05

Der Friedhof war lange in Betrieb und verfügte über eine Kapelle und einem Häuschen für den Friedhofswärter. 1954 wurde er erst für Beisetzungen geschlossen. 1960 übernahm der Municipal Boroguh of Barnes die Verantwortung über das Gelände, 1965 kam es in die Hand des London Borough of Richmond upon Thames, dessen Bestandteil Barnes durch die Vergrößerung London geworden ist. Es gab Versuche den Friedhof abzuräumen und in eine grüne Wiese umzuwandeln, die in den Abriss der Kapelle und des Friedhofswärterhäuschens mündeten. Auch Einfriedung des Friedhofs wurde beseitigt. Die Umwandlungspläne wurden nach lokalen Protesten gestoppt. Jedoch begann der Friedhof zu verfallen. Die Gräber überwucherten und die wunderschönen Grabmonumente wurden beschädigt. Nahezu alle Engelsfiguren auf dem Friedhof wurden geköpft. 1980 wurde der Friedhof offiziel Bestandteil des Naturschutzgebiets Barnes Common. Heute versucht der Verein „Friends of Barnes Common“ sein bestes, um den Friedhof sauber zu halten.

 

Links oben: Das Grab eines jungen Mädchen, das mit nicht einmal 9 Jahren verstorben ist.

Rechts oben: Dies ist das etwas unscheinbare Familiengrab von Henry Attwell. Attwell war ein lokaler Lehrer, der in Barnes eine Schule aufmachte. In Leiden war Attwell als Lehrer des niederländisch-luxemburgischen Thronfolger Willem tätig, den er in englischer Sprache, Literatur und Geschichte unterrichtete. Attwell schrieb zahlreiche Bücher mit geographischen, ethnologischen, poetischen und philosophischen Einschlägen und dürfte als ein Universalgelehrter gelten.

Links oben: Wie ich bereits schrieb, wurden viele Figuren geköpft. Hier ist eindrucksvolles Beispiel dafür.

Rechts oben: Das Grabmal von Francis Turner Palgrave. Palgrave war Literaturkritiker, Florilege und Dichter. Er lebte von 1824 bis 1897. Palgrave dichtete selbst und versuchte sich auch als Dichtungstheoretiker.

 

 

Links oben: Das am besten erhaltene Grabmal auf dem Barnes Old Cemetery ist das der Familie Hedgman. William Hedgman war ein lokaler Mäzen in Barnes.
Rechts oben: Es ist wieder ein wunderschönes Grabmal, dem jedoch abermals der Kopf fehlt.

 

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Auf dem Bild sieht man das Grab von Ebenezer Cobb Morley (1831-1924). Er gehört vielleicht nicht zu den bekanntesten Personen des Weltgeschehens, jedoch hat er vielen von uns etwas gebracht, was uns freut, in Atem hält, Emotionen hervorbringt, aber uns auch oftmals ärgert: den Fußball. Es ist wohl Morley zu verdanken, dass 1863 die Football Association gegründet wurde und von da an der Fußball seinen Siegeszug um den Globus antrat.

Auf diesem Friedhof ist auch das Opfer eines brutalen Mordes beigesetzt – bzw. Teile der Leiche. Denn das Opfer Julia Martha Thomas wurde von ihrer Haushälterin ermordet, zerteilt, abgekocht und in die Themse geworfen. Einige Überreste wurden geborgen und an einem unbekannten Punkt auf diesem Friedhof beigesetzt. Der Schädel wurde erst 2010 auf dem Grundstück des damaligen Mordes gefunden.

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Nach diesem Friedhofsbesuch kann man entweder mit dem Bus weiterfahren zur Barnes Station, um dort einen Zug in Richtung London Waterloo zu nehmen, oder noch einen Spaziergang zum Bahnhof oder durch den Barnes Common nach Putney machen.

Brompton Cemetery: Das Grab von Emmeline Pankhurst

Bevor ich in der kommenden Woche mit dem ersten Blogeintrag zu einem Friedhof starte, gibt es in dieser Woche anlässlich des Weltfrauentages einen Beitrag zu Emmeline Pankhurst, die auf dem Brompton Cemetery beigesetzt. Solche Beiträge zu Gräbern einzelner Persönlichkeiten werden nicht die Regel sein, aber dann doch immer mal wieder vorkommen.

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Emmeline Pankhurst (1913), Quelle: Library of Congress, Public Domain

Pankhurst lebte von 1858 bis 1928 und trat für das Frauenwahlrecht im Vereinten Königreich von Großbritannien und Irland ein. Politisch begann sie im linken Teil des Spektrums und wandelte sich zu einer Konservativen. Sie gründete 1889 die Women’s Franchise League, die sich für das Frauenwahlrecht bei Lokalwahlen einsetzte. Dann unterstützte sie die Women’s Liberal Federation, eine Teilorganisation der Liberal Party.
Als 1893 die Independent Labour Party gegründet wurde, wechselte sie dorthin. 1903 brach Pankhurst mit dem Gedanken, über althergebrachte Parteien das Frauenwahlrecht zu erreichen. Sie gründete die Women’s Social and Political Union (WSPU). Die Organisation kämpfte anfangs gewaltfrei, fand aber später auch gewalttätige Maßnahmen legitim. Pankhurst wurde für ihre Aktionen verhaftet und verbüßte sogar eine Haftstrafe. Der gewalttätige Protest wurde in den Kriegsjahren eingestellt, um den Kampf gegen das Deutsche Reich nicht zu gefährden. Sie gehörte übrigens auch einer Delegation an, die das strauchelnde Russland von einem Friedensschluss mit dem Deutschen Reich abbringen sollte.
1918 erhielten Frauen ab 30 das Wahlrecht, während Männer bereits ab 21 wählen dürfen. Der Grund dafür war banal: Der britische Gesetzgeber wollte nicht, dass Frauen die Mehrheit der Wählerschaft stellen. Durch den Krieg war jedoch das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern in eine Schieflage geraten. Bei der Wahl 1918 durften übrigens Frauen auch für das Unterhaus kandidieren. Pankhurst wurde daher von vielen Seiten bedrängt, für die Women’s Party, die aus der WSPU hervorgegangen ist, anzutreten. Doch sie schickte ihre Tochter Christabel ins Rennen, welches jene verlor.*
Pankhurst hielt sich in den Jahren nach dem Weltkrieg viel in Nordamerika auf. In ihren Auftritten trat sie nicht nur für Frauenrechte, sondern mittlerweile auch gegen den Bolschewismus ein. 1926 wechselte sie zu den Konservativen und ließ sich für die Wahl 1929 als Kandidatin im Wahlkreis Whitechapel and St George’s aufstellen. Die Kandidatur brach sie aber im Frühjahr 1928 wegen eines familiären Skandals ab.


Am 14. Juni 1928 starb Pankhurst im Alter von 69 Jahren in einem Pflegeheim im Nord-Londoner Stadtteil Hampstead. Beerdigt wurde sie auf dem Brompton Cemetery. Den Lohn ihrer Mühen erlebte sie nicht mehr: Am 2. Juli 1928 erhielt das Gesetz zur vollkommenen wahlrechtlichen Gleichstellung von Frauen und Männern im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland die königliche Zustimmung.

Ort: Brompton Cemetery, London, UK
Wie kommt man zum Friedhof?
Mit Bus: 14, 74, 190, 211, 328, 414, 430, C1, C3
Mit Bahn: West Brompton Station (District Line & London Overground) bzw. Earls Court Station (District and Picadilly Lines)
Mit Rad: Rund um den Friedhof sind auch einige Docking Stations des Santander Cycle Hire Scheme.

*Christabel Harriette Pankhurst unterlag am 14. Dezember 1918 dem Labour-Kandidaten John Davison im Wahlkreis Smethwick. Sie hatte 775 Stimmen weniger als ihr Konkurrent.

Willkommen bei The Taphophile Kalle

Willkommen auf diesem neuen Blog. Er wird sich vor allem um ein sehr morbides Thema drehen: Friedhöfe.

Friedhöfe zu besuchen, zu fotografieren und sich damit zu beschäftigen ist gewiss kein alltägliches Hobby. Schnell gerät man in den Verruf, ein „Grufti“ zu sein. Jedoch ist das mitnichten so. Mein Interesse an Friedhöfen ist eher einem Zufall geschuldet: Auf dem Weg zu einem Chelsea-Spiel im Jahr 2014 bin ich mal mit dem Overground-Zug angereist und wollte in den Underground-Zug zum Fulham Broadway umsteigen. Dies ließ das TfL-Personal nicht zu und so musste ich wie alle anderen Chelsea-Fans zu Fuß die letzte Station laufen. Der kürzeste Weg führt dabei über den Brompton Cemetery, der nur durch Bahngleise von Chelseas Stamford Bridge getrennt wird.

The Magnificent Seven: Brompton CemeteryWas ich dort vorfand, faszinierte mich: mannigfaltige Grabmäler und Mausoleen. Mittendrin wunderschöne Kolonnaden und eine Kapelle. Am folgenden Tag war ich dann abermals dort und der  Friedhof zog mich mehr und mehr in seinen Bann. Spaßiger Weise waren dort einige Leute an den Kolonnaden zum Picknick versammelt.

Mit der Zeit fand ich heraus, dass der Brompton Cemetery nur einer von sieben herausragenden Friedhöfen ist, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt wurden. Nach und nach besuchte ich alle sieben. Auch darüber hinaus halte ich mittlerweile Friedhöfe wert besucht zu werden, auch wenn dort keine Angehörigen oder Freunde liegen. Insbesondere solche alten Friedhöfe sind in einer besonderen Weise angelegt. Garten- und Landschaftsplaner haben sich dort ebenso ausgetobt wie Pflanzensammler, Architekten und Steinmetze. Diese Orte der Trauer sind so einladend gestaltet, dass es einen kaum wundert, dass sich Menschen dort gerne aufhalten und beispielsweise wie oben erwähnt picknicken. Einladend waren diese Friedhöfe in der Peripherie des alten London übrigens auch für Schwule als Cruising Area – Homosexualität stand damals im Vereinigten Königreich noch unter Strafe – oder für Prostituierte als Arbeitsplatz. Heute tummeln sich dort zwischen den Trauernden Jogger, Radfahrer, Spaziergänger oder einfach Leute, die dort die Tauben füttern. Friedhöfe können also auch Freiräume und Aufenthaltsräume sein.

Ein großer Wert, den Friedhöfe haben, sind die Geschichten, die dort Geschichte erzählen. Extravagante Grabsteine, Architekturgeschichte, berühmte Persönlichkeiten oder Anekdoten über bestimmte Gräber sind Zeugnis über den Alltag jener Zeit. Friedhöfe sagen auch etwas über die Umgebung aus. Ein Vergleich der Friedhöfe im Londoner West End mit jenen im East End spricht Bände über die Sozialstruktur. Dazu aber an anderer Stelle mehr. Deswegen möchte ich Euch nun auf diesem Blog willkommen heißen. Die ersten Beiträge und Galerien werden in den kommenden Wochen veröffentlicht.

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